Die Wanderbücherei ist ein einmaliger Wagen nicht nur der Münchner Trambahngeschichte nicht nur der Münchner Trambahn, sondern ist auf der Welt einmalig. Das macht diesen Wagen besonders wertvoll und so war es ein großes Glück, dass wir diesen Wagen wieder nach München zurückholen konnten.
Wenn man den Wagen so gut kennt wie wir vom Verein der Freunde des Münchner Trambahnmuseums, kalkuliert natürlich 10 Jahre nach seiner Rückkehr dauernd im Kopf seine Restaurierung. Ausgangspunkt ist bei einem dermaßen komplexen Projekt vor allem die Zielsetzung. Heute mit diesem Wagen regelmäßig durch München zu fahren und ihn in seiner ursprünglichen Nutzung zu betreiben ist zum einen im Zeitalter der E-Books und Amazon schwierig und zum anderen sind im Münchner Schienen-Netz nach und nach mögliche Abstellplätze verschwunden bzw. können wegen betriebstechnischer Nutzung nicht mehr angesteuert werden. Daher ist die aktuelle Zielsetzung für die Restauration dieses Fahrzeugs sowohl die Rollfähigkeit im nicht öffentlichen Verkehrsraum als auch die uneingeschränkte Nutzbarkeit.

Die erste Fahrt war am 13. Februar 1928 zur Haltestelle Alpenplatz in Giesing. Somit steht der 100. Geburtstag für dieses Unikate Fahrzeug an.
Es ist somit sehr erfreulich, dass wir mit den Verantwortlichen der Münchner Stadtbücherei gemeinsam die Restaurierung dieses Fahrzeugs planen und versuchen, zu finanzieren. Dieses Projekt ist nach aktuellem Planungsstand darauf ausgerichtet, den Wagen zu seinem 100. Geburtstag prominent zu präsentieren.
Hier versuchen wir nun, diese Arbeiten zu dokumentieren, die Planungs- und Arbeits-Schritte aufzuzeigen und in einem kleinen Tagebuch zu präsentieren. Projektleiter ist unser Vereinsmitglied Andreas Braun, der bereits mit viel Engagement und Herzblut im Eisenbahnbereich der Bayerischen Eisenbahnmuseums erfolgreich tätig ist und hier mit seiner Expertise ein wertvoller Posten ist.

Das Wanderbücherei Tagebuch
25. Januar 2025
Am Anfang einer Restaurierung steht eine Bestandsaufnahme, um den Umfang der Arbeiten und deren Umsetzung und damit auch die Finanzierung abstecken zu können. Aktuell steht der Triebwagen über „Show-Grube“ des rechten Gleises des MVG-Museums. Er ist abgezäunt und nicht öffentlich zugänglich, was wir gerne ändern wollen.
Eine Besonderheit des Wagenaufbaus ist der derzeitige Stand des Ausbaus, der sich über die Jahre verändert hat. Die Zielsetzung ist aktuell, den Zustand der 1960er-Jahre widerherzustellen. Hintergrund ist, dass hier der geringste Restaurierungsaufwand entsteht.

Auf dem Bild aus besseren Tagen des Wagens kurz nach seiner Abstellung in den 70er-Jahren in der Hauptwerkstätte an der Ständlerstraße unseres verstorbenen Trambahn-Experten Dieter Kubisch kann man gut die Türen der rechten Seite sehen. Schon an der Breite der Einstiege kann man erkennen, dass nur 2 Flügel der dreiteiligen Türe einen relativ schmalen Zugang- und Ausgang ermöglichten.

Der Wagen hat keine Schiebetüren, sondern spezielle Falttüren, die soweit erhalten sind, dass man sie entweder reparieren kann oder nach dem Vorbild neu aufbauen kann. Der Wagen hat 3 Türen, auf der rechten Seite 2 Türen und eine weitere Türe auf der linken Seite. Damit ist er der einzige erhaltene Münchner Trambahnwagen mit einer linken Türe. Alle anderen Trieb- und Beiwagen wurden wegen der Lage der Haltestellen ausschließlich auf der rechten Seite, der Abschaffung des Zweirichtungsbetriebs und den Gefahren bei Gegenverkehr umgerüstet. Hier gibt es diese Gefahrenquellen nicht, da der Wagen nur im Stillstand auf Hinterstell-Gleisen und Ausweichstellen als auch auf Hammergleisen der Gleisdreiecke aufgestellt wurde.
In den Bildern sieht man das fast komplett fehlende Heck des Wagens, in dem beide Hintertüren eingebaut werden müssen.


Der Blick im Januar 2025 in das Innere des Wagens unterstützt die Idee, dass dieser Wagen durchaus mit viel Arbeit, aber generell erhalten bleiben kann und nicht zwingend komplett neu aufgebaut werden muss. Die Regale sind soweit fit, wenn man sie neu geschliffen, grundiert und lasiert hat.
Im Inneren des Wagens gibt auch eine Schreibtische, Stehpulte, einen Garderobenschrank für die Bibliothekarinnen und Bibliothekare und ein kleines Handwaschbecken, das man während der Fahrt hochklappen kann. Der Ausbau erinnert einen ein bisserl an ein Wohnmobil mit gut ausgestatteter Bibliothek.

Wenn man diesen Triebwagen der Öffentlichkeit zugänglich machen will, muss der Wagen eine Beleuchtung bekommen. Aktuell wird angedacht, die aktuelle Beleuchtungsanlage soweit wie möglich original zu erhalten, aber mit 12V und LED-Leuchtmitteln via Akku-gepufferten Solaranlage auf den Widerstandsblechen zu betreiben. Auch die Schriftzüge auf der Seite sind illuminierbar.


Der Zustand des Dachs ist durch jahrelanges ungeschützte Abstellung leider schlecht. Man wird sehen müssen, was unsere Fachleute für Holzbearbeitung hier in welchem Umfang ersetzen müssen. Die Werkstattgruppe des FMTM hat eine große Erfahrung mit Dachsanierungen und Restaurierungen der Holzdächer historischer Münchner Fahrzeuge bei verschiedenen Projekten wie TW 490 und TW 676 sammeln können. Ein Stromabnehmer ist noch im Lager.


Leider sind die Oberlichten großenteils defekt, wobei die Mechanik der Fenster-Öffner erhalten sind. Das gibt andererseits einen gute Blick auf die Konstruktionsdetails frei, wie man vor 100 Jahren eine Trambahn aufgebaut hat. Das ist eine Art Trambahnarchäologie, die einem nicht oft so gut studieren kann wie an unserer Münchner Wanderbücherei.


Unser Wanderbüchereiwagen besitzt noch beide Fahrmotoren und mechanischen teile der Maximum-Fahrgestelle. Unglücklicherweise hatte der Wagen einen Rangierunfall und einige Bauteile sind etwas aus der Form gekommen. Mit der Restaurierung von Maximum-Fahrgestellen ist unsere FMTM-Werkstattgruppe gut vertraut auch kann auf ihre Erfahrungen bei der HU des Fahrdrahtkontrollwagens 2021 zurückgreifen. Diesen Wagen nicht mehr einsatzfähig zu restaurieren erspart auf der einen Seite die Reparatur der Motoren und Fahrschalter und Antriebs-Mechanik und -Elektrik, auf der anderen Seite müssen beide Fahrgestelle mechanisch komplett funktionsfähig werden, da zumindest die Handbremse unbedingt gebraucht wird.
Es wäre durchaus im Rahmen der Möglichkeit die Reparatur in unserem Arbeitsstand umzusetzen.



Die angesprochenen Maximum-Fahrgestelle sind auf der rechten Seite rot angestrichen und der linken Seite „Natur“. Nach der Restaurierung werden sie einheitlich dunkel lackiert werden wie bei allen anderen Triebwagen der Sammlung.
Unsere Wanderbücherei steht auf Maximum-Drehgestellen vom Typ UD3.


Der Führerstand sieht etwas traurig und ausgeplündert aus, aber es gibt nichts, was man nicht mit Artikeln aus unserem Lager und Liebe und Hingabe wieder fein aussehen lassen kann. Vorteil hier ist, dass kein Funktionsfähigkeit erreicht werden muss.


Holz ist ein gutes Material für den Aufbau von Trambahnwagen, vorausgesetzt es wird gut gepflegt und erhalten. Das ist bei unserer Wanderbücherei über viele Jahrzehnte nicht geschehen, sodass hier wohl die größte Baustelle auf uns wartet. Da wir alle zusammen keine ausgebildeten Holzwürmer sind, aber uns in der komfortablen Situation befinden, gute Kontakte zu Schreinern zu pflegen, wird aktuell untersucht, ob eine Crew aus erfahrenen Fachmeistern die Restaurierung dieses Wagenaufbaus übernehmen kann. Die Bauart ist kein Hexenwerk, allerdings kommt es sehr auf das verwendete Holz an und den sanften und überlegten Ersatz der maroden Holzbauteile nach und nach.
Es ist zu vermuten, dass unsere Wanderbücherei zu ihrer geplanten Restaurierung ihren kuscheligen Standplatz im Museum aufgeben muss und einige Zeit nicht ausgestellt werden kann.


8. Februar 2025
Um das Dach näher zu erkunden mussten wir unseren Plan eines Drohnenflugs für Bilder leider begraben, da die Oberleitung im Weg ist. so geschah das am 8.Februar 2025 mit einer GoPro an einem 3m lagen Stab.


Die Holzkonstruktion des Daches scheint bis auf eine auszubessernde Stelle recht stabil. Hier kann man schon die Quadratmeter von zu verbrauchendem Schleifpapier kalkulieren. Altwagendächer sind, wie schon angemerkt, nicht neu für uns, allerdings mit einer Menge Arbeit verbunden.


8. Juni 2025
Die vergangenen 3 Monaten bis Juni waren geprägt von der Aufstellung eines Pflichtenheftes, dessen Konkretisierung und Überlegungen, in welcher Form wer eine Aufarbeitung der Wagenteile durchführen kann, die von unserer Werkstattgruppe nicht geleistet werden kann.
Das ist in erster Linie die Restaurierung des Holzaufbaus, der den Großteil der anstehenden Arbeiten ausmachen wird. Dabei fiel uns unser Vermieter für die FMTM-Wagen ein, der eine große Holzhandlung betrieb, viel Fachwissen hat und einen gesunden Stamm an Schreinern in der Umgebung kennt. Der über Monate gereifte und recherchierte Gedanke kam am Öffnungssonntag des MVG-Museums nun zur ersten Umsetzungsstufe.

Zu einer belastbaren Kalkulation des Umfangs der erforderlichen Arbeiten gehört eine gründliche Inspektion des derzeitigen Zustandes des Wanderbücherei-Wagens. Teile des Wagens sind noch original aus dem Jahr 1912. 1928 erfuhr der Aufbau eine Modifikation beim Umbau für den Einsatz als Wanderbücherei-Wagen, die nicht nur die zusätzliche Einrichtung betraf.
Der Plan ist, die maroden Holzteile 1:1 gegen neu anzufertigende Bauteile zu ersetzen. Dabei ist natürlich die Wahl der Holzart- und Qualität wichtig. Wir werden versuchen soweit wie möglich Originalteile zu erhalten, Änderungen und Auswechslungen zu dokumentieren und vorhandene Teile aus unserem Lager einzusetzen.

Nach dem ersten Augenschein der Fachleute wird es unvermeidlich sein, zuerst die noch weitgehend intakte Inneneinrichtung zu demontieren, um den hölzernen Wagenkastenaufbau besser von innen und außen analysieren zu können.
Insgesamt war das heute ein großer Schritt weiter auf dem Weg, die vor 10 Jahren nach München zurückgeholte Wanderbücherei zu ihrem 100-Jährigen Jubiläum 2028 fertig restauriert präsentieren zu können.


8. Juli 2025
Für die Holzrestaurierung des gesamten Chassis liegt ein Kostenvoranschlag vor, der ob des Umfangs der Arbeit durchaus angemessen erscheint. Es sind ca. 450 Arbeitsstunden veranschlagt. Dazu müssen wir noch die Blecharbeiten, Elektroarbeiten und Restauration der Maximum-Drehgestelle addieren, die wir wohl weitgehend innerhalb unserer Werkstattgruppe abwickeln können. Weitere Posten sind natürlich Verglasung, verschiedenen Metall-Applikationen und die gesamte Dachsanierung, die bisher schwer zu kalkulieren sind. Bis der Wagen wieder funktionsfähig, rollfähig und herzeigbar ist, wird wohl ein mittlere 5-stellige Summe nötig sein.

27. Juli 2025
Familientreffen im MVG-Museum: beim Original-Wanderbücherei-Wagen kamen die beiden grandiosen Modell aus der Hand des Modellbauers Berthold Dietrich-Vandoninck: vorne das H0-Modell, motorisiert und von Christopher digitalisiert, dahinter das bereits 1984 gebaute Spur G Modell mit 60mm Spurweite. Schon damals gab es Planungen zur Rückführung des Wanderbücherei-Wagens nach München und dieses Modell ist mit einem Geldschlitz als Sammelbüchse konzipiert.
Das Spur G Modell hat eine eigene Maß-Vitrine und wird nun wieder als Spendensammler fungieren. Bis Herbst 2025 werden wir sowohl ein Restaurierung-Konzept vorstellen und eine darauf ausbauende Spendenaktion organisieren.

1. August 2025
Der Vater der Wanderbücherei wie auch der städtischen Bibliotheken ist Hans Ludwig Held aus Neuburg/Donau. Er feierte am 1.August seinen 140. Geburtstag. Roland Opschondek ist Historiker und organisierte zu diesem Jubeltag in der vielleicht schönsten Bibliothek Deutschlands in Neuburg/Donau eine kleine Geburtstagsfeier. Unser kleines Wanderbücherei-Modell war dabei bewunderter Ehrengast.

September 2025
Ein großer Schritt erfolgte im September mit dem Abschluss eines Restaurierungsvertrages für unsere Wanderbücherei. Übernommen werden mit diesem Vertrag die gesamten Holzarbeiten, Ersatz, Wiederherstellung, Material und so weiter. Dazu konnten wir mit unserem Vermieter unseres FMTM-Außenlagers eine Erweiterung unseres Mietvertrages erreichen. Damit sind die Fundamente für eine Arbeit an diesem Wagen geschaffen: ein sicherer Stellplatz in einer großen Halle und Vergabe der Holzarbeiten an einen ausgewiesenen Fachmann mit seinem Team. Im Modell steht die Wanderbücherei schon auf vor dem Münchner Kindl Bierkeller.

Oktober 2025
Die Restaurierung der Wanderbücherei ist nicht nur einer enormer Arbeitsaufwand, sondern auch das größte finanzielle Projekt in unserer Vereinsgeschichte. Dieses Projekt kann unser Verein nicht alleine stemmen und so freuen wir uns über Spenden, die stetig auf unser Konto kommen. Ein ganz herzlicher Dank für jede einzelne Spende! Zudem haben uns die Städtischen Bibliotheken eine finanzielle Beteiligung in Aussicht gestellt. Unser Verein hat eine genaue Kalkulation aufgestellt, die unter Einbeziehung aller Überraschungen, Eventualitäten und dem Wissen und Erfahrungen aus verschiedenen Restaurierungsprojekten anderer historischen Wagen formuliert wurde.

Es kommt Bewegung in das Projekt: die Wander-bücherei ist im Museum auf den fordersten Platz gewandert zur Abholung zur Restaration.

Unser Archiv-Chef Klaus Onnich hat uns aus seinem unendlichen Fundus schon mal einen neues Scheinwerfer für den TW24 besorgt.
21. / 22. Oktober 2025
Als der Wagen der Wanderbücherei 2015 aus Hannover nach München zurückgeholt wurde, fuhr parallel dazu ein Transporter mit 3 großen Gitterboxen und zwei Paletten mit weiteren Teilen des Wagens parallel mit. jetzt Ende Oktober ist es Zeit, diese Teile auch in neue externe Werkstatt zu transportieren. Dazu braucht man 2 Dinge: einen Miettransporter und Reiner Ilg. Reiner ist ein fester Faktor bei solchen spontanen Aktionen, langt hin und ist hilfreich in allen unplanbaren Situationen. Wir durften den MVG-Gabelstapler in der Hauptwerkstätte nutzen zur Beladung nutzen. Bei unserem Außenlager hat unser Vermieter alle Werk- und Fahrzeuge und holt auch mal schnell den Nachbarn zu Hilfe, wenn’s komplex wird. Ohne solchen Praktiker im Team wäre eine solche Aktion auf keinen Fall durchführbar.
Die Bilder zeigen das Be- und entladen der beiden Fuhren der Ersatz- und Zurüst-Teile des TW24. In der Werkstatthalle begann auch gleich das Auspacken, um eine Übersicht zu bekommen, was noch alles vorhanden ist, was repariert werden muss, ersetzt werden muss oder aufgearbeitet werden kann.



Alles gut angekommen in unserer Außenwerkstatt. Schön zu sehen, dass die Türen komplett und fast unbeschädigt sind.
Mit diesem Transport sind auch 4 Hilfsschienen angekommen, auf denen die Wanderbücherei während ihrer Restaurierung stehen wird.


Ein wildes Sammelsurium ist in diese Gitterboxen gepackt vom Scheibenwischer bis Dachspanten.


Reiner Ilg am Steuer des Rundhaubers, der wenige Tage zuvor hier in unsere angemietete Lagerhalle gebracht wurde. Heute wird er umgesetzt.
16. November 2025
Nach einer langer Planungsphase gibt es einen Transporttermin für die Überführung des Wanderbüchereiwagens in unsere inzwischen im Außenlager aufgebaute kleinen Werkstatt.
Der Plan sieht vor, dass parallel zu den Holzarbeiten vor Ort unser Verein sich um die anderen Arbeiten, die bei diesem Fahrzeug zu machen sind, kümmert. Außerdem scheint es sinnvoll, dem beauftragten Schreiner und seinem Team mit Rat und Tag und natürlich auch helfenden Händen zur Seite zu stehen. Für beide Seiten ist es gewisses Neuland.
Der Zustand der Wanderbücherei erfordert spezielle Sicherungsmaßnahmen für den Transport mit 100 km/h auf den Bayerischen Autobahnen. Da dürfen keine Bleche, Balken oder Kleinteile ungesichert sein. Mit den extra angeschafften dicken Gurten (leider nicht in standesgemäßen Blau auf Lager) wurde die Wanderbücherei wie ein Rollbraten mehrfach umwickelt und ein Dutzend Labelbinder zum Fixieren gefährdeter teile angebracht.

Michaela Bauer und die Jungs der Werkstattgruppe bringen die Sicherungsgurte an. Der Wanderbüchereiwagen steht nun schon im Dacharbeitsstand der Instandsetzungshalle der MVG in der Hauptwerkstätte.

Geplant, verhandelt und kalkuliert hat Reinhold Kocaurek als Projektleiter dieses Unternehmen mit der großen Unterstützung von Andreas Braun und dem Team der FMTM-Werkstattgruppe 3.0. Jetzt wird es besonders spannend, das alles in die Tat umzusetzen.
20. November 2025
An diesem kühlen Donnerstag steht der Wagen der Wanderbücherei in der Hauptwerkstätte bereit zum Abtransport. Unser Werkstattleiter Andreas Braun hat nochmal bei einem letzten Check zwei lose Fetzen der alten Dachabdeckung entfernt. Unser Wagen ist der letzte auf einer Liste eines Dutzend anderer Münchner Trambahnwagen, die in dieser Woche umgestellt werden. Das Gelände muss geräumt werden, denn es wird Platz für die Baustelle des neuen Betriebshofs benötigt und eine weiter Unterstellung der Wagen in der großen Montagehalle ist wegen der Einsturzgefahr nicht mehr möglich.

Im ersten Tageslicht wird unser Goldstück schon mal näher an die beiden riesigen BKL-Kräne beim Ladegleis rangiert.
Der Wert dieses Wagens ist für uns nicht hoch genug einzuschätzen. Er ist wirklich der letzte existierende Wagen dieses Typs und vor allem der mit Abstand älteste erhaltene Münchner Triebwagen. Daher finden sich an ihm mit Baujahr 1911 noch Bautechniken und Konstruktionsumsetzungen, die bei keinem anderen Wagen zu sehen sind. Durch die mehrmaligen Umbauten und Modernisierungen sind diese Elemente nie verschwunden und geben heute tiefe Einblicke in den Stad der Konstruktionsweise dieser Epoche.


Die alte Dame machte mit ihren rheumatischen Ansätzen dem Ladeteam um Thomas Götz reichlich Arbeit: die Transport-Backen ließen sich erst nach viel WD40, Hammerschlägen und gutem Zureden einhängen.

Nach einer guten Stunde um 15:10 Uhr hebt unsere Wanderbücherei von den Münchner Gleisen ab parallel zu den ersten Münchner Schneeflocken für diesen Winter 2025/26. Das Laden ist Millimeterarbeit.


Die schnellste Wanderbücherei auf dem Weg zur Beauty-Farm.

Noch ein letzter Kreisverkehr und das Ziel ist in der Dämmerung erreicht.

Auch der Kran der Firma BKL im Convoi war mitgekommen, um jetzt die Wanderbücherei für die letzten Meter auf die Hilfsgleise zu stellen, die in die Halle zum Arbeitsplatz führen.


Willkommen! Meter für Meter wird die Wanderbücherei auf den frei verlegten Hilfsschienen mit der Arbeitsmaschine unseres Vermieters rangiert, Hier warten schon die ein gutes Jahr zuvor ausgelagerten FMTM-Wagen 2931, BW 3390 und ATw2973 sowie der Verkaufswagen und unser Magirus-Rundhauber und keine 10 Meter weiter steht der Weiße Hai mit Trieb- und Beiwagen.



Mit der Hilfe von Klaus Werner und unserem Vermieter ist die Wanderbücherei um 19:30 Uhr auf ihren neuen Standplatz angekommen.
28. November 2025
In dieser kuscheligen Halle haben wir jetzt 2 Jahre Zeit, unseren Wanderbüchereiwage zu seinem 100. Geburtstag wieder herzurichten. Dazu sind in den ersten Monaten hauptsächlich Demontage-Arbeiten zu erledigen, um die bauliche Substanz dieses Wagens festzustellen. Dazu erstellen wir eine akribische Dokumentation ob der Seltenheit eines Wagens dieser Zeit in weitgehende Originalzustand bei Rahmen, Aufbau und Konstruktionsdetails.


Im ATw 2973 keine 3 Meter neben dem TW24 ist inzwischen eine kleine Werkstatt entstanden die sich inzwischen bestens bewährt hat.



Hier gibt es auch auf der hinteren Plattform ein Lager für abgebaute Einzelteile. Die Transport-Sicherungen werden abgebaut, bei Minusgraden eine echte Herausforderung.
9. Januar 2026
Start off für die Restaurierung unserer Wanderbücherei.
Unser Schreiner geht vorsichtig und behutsam mit der Inneneinrichtung um. Er möchte zuerst die oberen und unteren Regale auf beiden Seiten ausbauen, um sich den Zustand der dahinter liegenden Holzkonstruktion anzusehen und beurteilen zu können. Von außen sind bereits große Baustellen zu sehen. Der Plan sieht nun vor, jedes einzelne Teil der Spanten zu untersuchen und nacheinander zu ersetzen und somit zu keiner zeit die Gesamtkonstruktion zu gefährden. Dazu braucht man viel Fachwissen und Fingerspitzengefühl und einen Fachmann, der sowas umsetzen kann wie unseren Schreiner.


Hier hilft auch unser Vermieter gerne mit.

Das Arbeitspult im Heck ist bereits ausgebaut.


Inzwischen hat uns unser Vermieter ein komfortable Arbeitsplatte auf die die hintere Plattform montiert und eine beidseitige Paletten-Treppe aufgestellt. Seine Mitarbeit ist von großem Wert. Auch ich versuche soweit wie möglich selbstständig und auf Zuruf des Meisters zu arbeiten. Dabei entstehen hunderte von Fotos, die den alten Zustand dokumentieren.



20. Januar 2026
Die Münchner Wunderbücherei! Bei Dauerfrost mit etwas klammen Fingern baue ich die Beleuchtung der transparenten Schriftzüge auf beiden Seiten ab.

Es sind insgesamt 112 Lampenfassungen Typ BA15s verbaut. Ein einziges tapferes Lamperl hat überlebt.




Drei Männer und ein Regal (der Fotograf nicht mit eingerechnet): Die Regale sind gute 5 Meter lang, aus Vollholz und auf Zehntel-Millimeter eingepasst.

bei einer der Revision in den 1950er-Jahren ist wohl diese Kreidezeichnung entstanden, Lascaux für Trambahnhistoriker.
Wie nicht anders zu erwarten haben sich einige Arbeitsfelder aufgetan, bei denen wir neben Muskelschmalz auch noch Gehirnschmalz investieren müssen. Da ist die fachgerechte Asbestentsorgung noch ein kleineres Detail. Aber als erstes Fazit kann man schon mal feststellen, dass wir die Inneneinrichtung 1:1 wieder weiterverwenden können und auch die tragenden Elemente noch gut in Schuss sind. Bei allen Arbeiten gilt das selbstgesteckte Ziel, den Wagen soweit baulich unverändert zu lassen, dass zumindest der Hauch eines Traums der fahrbereiten Wiederinbetriebnahme nicht ausgeschlossen ist.


22. Januar 2026
Hier schreiten die Männer zur Tat. Zitat aus der Beatles-Ära. Während unser Schreinermeister sich um die weiteren Einrichtungsgegenstände kümmert, widme ich mal den verbliebenen Blechen am Führerstand des TW24.



Diesen Tag vergesse ich nicht so schnell, denn bei -7°C hält einen auch die Bewegung nur noch in überschaubaren Maß warm.


28. Januar 2026
Der Innenausbau geht weiter. Die deutsche Sprache ist da zweideutig, ich meine, es werden hier Teile demontiert. Heute sind ist der Führerstand dran. Dieser Wagen hat eine rein mir Holz eingefasste Verglasung, die auch in weiten Teilen bei den Nachkriegs-Umbauten erhalten wurde. Geändert wurden die hinteren Fenster, bei denen das Sicherheitsglas mit Oberlichten, wie man sie von Altwagen her kennt, ins Blech gesetzt sind. Die hier fast noch komplett vorhandenen inneren Holzrahmen sind verzapft und müssen komplett ersetzt werden. Das ist solide Handwerkskunst, die uns zur Verfügung steht.


Die 4. Türe des Wagens vorne links wurde 1959 fixiert und geschlossen. Bei allen Arbeiten helfen die erhaltenen Zeichnungen von Klaus Onnich.


Ab und zu ist dann doch unsere neue Akku-Flex gefragt. Nach 6 Stunden um den Gefrierpunkt war mächtig viel geschafft.

11. Februar 2026
Da ist schon was dran, wenn man an Arbeitstagen unter null Grad Celsius die Kräfte etwas einteilt und klamme Finder sind auch nicht der große Motivator. Doch das Projekt zieht einen immer wieder zu dem Wagen selbst. Wir befinden uns in einer gewissen Findungsphase, bei der viel Entscheidungen fallen, wieweit und welche teile ersetzt werden müssen, welche saniert werden müssen und vor allem in welchen Zustand man das Fahrzeug versetzen möchte, um es wieder für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es gibt so Phasen, bei denen man schier verzweifelt, wenn unter einem verrosteten Blech wieder einen schwer angegammelten Balken findet, aber auch Momente, wenn man z.B. die Türen des Wagens, die extra gelagert waren, auspackt und feststellt, dass die bis auf die fehlende Einglasung noch fit sind.



Unser Lager mit abgebauten, nummerierten und katalogisierten Einzelteilen wächst stetig. Hier muss sortiert werden, welche teile von unserem Schreiner aufgearbeitet werden, welche Dinge wir in der eigenen Werkstatt in München bearbeiten können und was wir als Fremdaufträge vergeben müssen, weil uns Fachwissen, Werkzeug oder schlicht der Platz fehlt.


Heute entfernte ich vor allem Kederleisten und Metallverkleidungen sowie die Blinker auf beiden Seiten.
4. März 2026
So lässt es sich aushalten: Temperaturen über 10°C ließen heute wieder umfassender Aktionen an unserem Wanderbüchereiwagen zu. Dazu ist Adrian heute mitgekommen und hat viel Kreativität, Muskelschmalz und technisches Verständnis für dieser Bauart-Archäologie dieser Wagenkonstruktion zwischen B- und C-Wagen der Münchner Trambahngeschichte mit kriminalistischem Gespür mitgebracht. Ein erster Schritt war gestern Schrauben zu recherchieren, die zum einen nicht tragende Teile verbinden, sich zum anderen auch entfernen lassen. Um die Holzkonstruktion, deren Aufbau und deren Konservierung/Restaurierung richtig einschätzen zu können, müssen die Seitenbleche demontiert werden, da hilft nichts.


Reine Statistik:
- pro Seite 30 Schrauben waagrecht im unteren Bereich,
- seitlich rechts und links je 4 Schrauben und
- an den Dachholmen unten nochmal 5 x 2 Schrauben.
Zusammen sind das um die 100 Schrauben beidseitig. Wir konnten gestern jede Schraube soweit recherchieren, dass wir die Gegenmuttern lokalisieren konnten. Das ist schon mal ein guter Ansatz. Die Dachholme stehen auf dem unteren Querbalken des Rahmens auf und sind senkrecht von unten verschraubt. Somit beschlossen wir, die beiden Schrauben, die senkrecht übereinander das Blech an die Holme binden, gefahrlos für die Gesamtkonstruktion entfernen zu können.



Letzlich hat der 22er-Schlüssel gegriffen und die Muttern konnten dem Muskelschmalz von Adrian nicht wiederstehen. Die erste Schraube verlässt mit ein paar zentrierten Hammerschlägen von innen ihre Position, – nach wieviel Jahren wohl? Wir konnten alle zugänglichen Schrauben entfernen, allerdings sind noch einige unzugänglich wegen der noch im Inneren befindlichen Einbauten. Um diese Unterschränke von über 5 m Länge und einem gefühlten Gewicht von einer Tonne Eichenholz in einem Stück aus dem Wagen zu buxieren, werden wir sie, dieser Vorschlag kam von Bernhard Kohn, der das auch flux vermessen hat, durch die Frontscheiben-Öffnung mit Muskelkraft und Gabelstapler manövrieren. Dazu brauchen wir aber mindesten 3 bis 4 fitte Muskelmänner, wird ein Aktionstag mit Ansage.

Bei den Schrauben der Seitenwände durfte jeder mal ran, eher mit durchwachsenen Erfolg.


Auf der anderen Seite des Wagens ist die Problematik ähnlich, wie wir feststellen mussten. Insgesamt aber habe ich seit gerne ein deutlich besseres Gefühl, dass auch an diesen Stellen durchaus Umsetzungslösungen möglich sind, wenn wir weiterhin überlegt, durchdacht und der Physik und Menschenverstand sowie dem berühmten Baumarkt-Halbwissen folgend das nach und nach umsetzen.
Für die anderen Schrauben gibt es einen Plan B, der vom „Nach-Dremeln“ der Schlitze bis Ankörnung und Abfräsen der Schraubenkopfes geht. Dafür jetzt Werkzeug in Wang bereitzustellen lohnt sich sicherlich, da es 10 dieser abzubauenden Blechverkleidungen gibt, die meist ähnlich aufgebaut sind = es warten ähnliche Probleme, – nein: es warten ähnliche Aufgaben, die wir lösen müssen.
Ein langer Arbeitstag geht zu Ende und die Heimfahrt in den Sonnenuntergang….es bleibt spannend.

Diese Serie wird laufend aktualisiert und ergänzt.
Wir wollen die Wanderbücherei wieder zugänglich machen. Das ist mit viel Arbeit, die wir gerne, soweit es möglich ist, im ehrenamtlichen Rahmen leisten. Aber für externe Arbeiten benötigen wir Spenden. Bitte helfen Sie uns, diesen weltweit einmaligen Wagen der Wanderbücherei wieder herzurichten.
Wenn Sie uns aktiv unterstützen und tatkräftig anpacken wollen, kontaktieren Sie uns! Herzlichen Dank!


